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Was kommt nach dem, was immer war?

Über den Übergang in die Rente

28. Juli 20264 Min. Lesezeit

Es gibt einen Moment, den viele unterschätzen: den ersten Montagmorgen, an dem kein Termin mehr wartet. Keine E-Mails, die abgearbeitet werden müssen. Kein Team, das auf eine Entscheidung wartet. Für die einen ist das die lang ersehnte Freiheit. Für die anderen ein Boden, der plötzlich fehlt.

Der Übergang in die Rente wird oft wie ein einziges, klar abgegrenztes Ereignis behandelt – der letzte Arbeitstag, eine Feier, ein Geschenk, und dann beginnt "der Ruhestand". Tatsächlich ist es ein Prozess, der oft Monate oder Jahre braucht, um sich wirklich zu setzen. Und er betrifft mehr als den Kalender.

Wenn Erfolg das ganze Ich war

Bei vielen Menschen ist das Selbstverständnis über Jahrzehnte fast ausschließlich über Leistung entstanden: erreichte Ziele, Beförderungen, Projekte, die gelungen sind, Zahlen, die gestimmt haben. Das ist kein Zufall – genau dafür wurden sie im Berufsleben gesehen, gemessen und bestätigt. Das Problem zeigt sich erst, wenn dieses innere Punktesystem plötzlich kein Spiel mehr hat, in dem es zählen könnte.

Was dann entsteht, ist mehr als Langeweile. Es ist eine Art Bedeutungslosigkeit – das Gefühl, selbst nichts mehr "wert" zu sein, weil der Maßstab, an dem man sich jahrzehntelang gemessen hat, plötzlich ins Leere läuft. Eine begleitende qualitative Schweizer Studie beschreibt genau dieses Muster: Der Verlust der beruflichen Rolle als Ernährer oder Expertin kann sich wie ein Identitätsverlust anfühlen, besonders wenn das Selbstbild eng an Erfolg und Status geknüpft war. International wird in diesem Zusammenhang von einer "purpose crisis" gesprochen – Forschende beziffern, dass etwa jede:r dritte Neurentner:in vorübergehend depressive Symptome erlebt und die Anpassung oft ein bis drei Jahre dauert. Das ist keine Kleinigkeit, und es verschwindet auch nicht automatisch mit ein paar neuen Hobbys. Es braucht einen echten inneren Perspektivwechsel: weg von "Was habe ich geleistet?", hin zu "Wer bin ich, unabhängig davon?"

Weder Drama noch Fassade

Gleichzeitig begegnen mir auch die Gegenentwürfe: selbstbewusste Frauen – manche nennen sie "Silverladies" –, die betonen, wie stark, fit und unaufgeregt sie diesen ganzen Trubel um das Rentenalter finden. Auch das kann echt sein. Es kann aber auch eine neue Fassade sein, nur mit umgekehrtem Vorzeichen: Statt "Ich bin nichts mehr wert, weil ich keine Leistung mehr bringe" heißt es dann "Ich bin darüber erhaben, dass mich das überhaupt betrifft".

Beide Reaktionen messen sich an einer Latte – die eine an der alten Logik der Leistung, die andere an einer neuen Logik von Stärke und Coolness. Und genau darin liegt für mich der eigentliche Denkfehler: Wie jemand den Übergang in die Rente erlebt, sollte niemand von außen bewerten müssen, auch nicht mit einem neuen Maßstab, an dem man sich jetzt beweisen muss. Es gibt kein Richtig oder Falsch dabei, nur die eigene, ehrliche Antwort.

Hilfe holen – aber wofür?

Genau an dieser Stelle lohnt es sich, sich Unterstützung zu holen. Nicht, um beschäftigt zu sein. Nicht, um sich – wie es manchmal unausgesprochen mitschwingt – irgendwo "verräumt" zu fühlen, sozusagen sinnvoll geparkt. Sondern um in dieser Phase Autorin und nicht länger Ghostwriterin des eigenen Buchs zu werden.

Das klingt größer, als es ist: Es bedeutet vor allem, wieder in sich hineinzuhorchen. Was erfüllt mich wirklich, wenn niemand mehr eine Leistung von mir erwartet? Diese Frage lässt sich selten allein im Kopf beantworten, sie braucht Raum, Zeit und oft auch jemanden, der die richtigen Fragen stellt, ohne vorschnell Lösungen anzubieten.

Ein Gedanke, der mich nicht loslässt

Ein Gedanke begleitet mich dabei immer wieder: wie viel Potenzial für mehr Zufriedenheit – und ganz konkret auch für die Volkswirtschaft – hier ungenutzt bleibt. Eine Modellrechnung der Bertelsmann-Stiftung zeigt, welches Potenzial in der sogenannten Aktivrente steckt: Unter optimalen Bedingungen könnten so rechnerisch 25.000 bis 33.000 zusätzliche Vollzeitstellen entstehen – vorausgesetzt, Politik und Arbeitgeber machen die Reform aktiv bekannt und bauen die rechtlichen Hürden ab. Die Republik retten würden diese rund 30.000 Stellen sicher nicht. Aber sie stünden für ein ordentliches Stück mehr Freiheit – für Menschen, die weiterarbeiten möchten, ohne es zu müssen. Aktuell sind gerade einmal rund 5 Prozent der 65- bis 75-Jährigen erwerbstätig, wenn auch doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren.

Das bekommt gerade jetzt zusätzliches Gewicht: Sollte der Minijob-Sonderstatus künftig wegfallen, verlieren viele der aktuell rund 1,2 Millionen erwerbstätigen Über-65-Jährigen einen ihrer wenigen niedrigschwelligen Wege, weiterhin etwas beizutragen. Umso mehr lohnt sich die Frage, wie sich gerade ältere Menschen leichter selbstständig machen könnten.

Der Übergang als eigene Lebensphase

Der Ruhestand ist kein Endpunkt, sondern eine neue Lebensphase mit eigenen Aufgaben. Eine davon ist, sich noch einmal bewusst zu fragen, was einem wirklich wichtig ist – ohne den Druck, produktiv sein zu müssen, aber offen dafür, was aus eigenem Antrieb entstehen könnte.

Was hilft, ist selten der große Plan von einem Tag auf den anderen. Hilfreicher ist es, sich frühzeitig ein paar ehrliche Fragen zu stellen: Was werde ich vermissen, und warum? Was habe ich mir für "später" aufgehoben, das jetzt an der Reihe ist? Und wer bin ich, wenn die berufliche Antwort auf "Was machst du?" wegfällt?

Der Übergang in die Rente ist kein Bruch, den man einfach übersteht. Er ist eine Einladung, noch einmal neu zu entscheiden, was ein gutes Leben für einen selbst bedeutet – und vielleicht auch, was man davon noch weitergeben möchte.

Quellen

  1. Reiner, J. & Misoch, S. (2023): Subjective experiences in retirement adjustment: Qualitative results from Switzerland. Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie.
  2. Bohmann, S., Haan, P. & Herrmann, F. (2025): Aktiviert die Aktivrente Ältere? DIW Berlin / Bertelsmann Stiftung.

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