Renates Weg zum Neuanfang
Renate Bergmann heißt eigentlich anders. Ihre Geschichte aber ist echt – so oder so ähnlich erzählen sie mir immer wieder Menschen, die mit Ende 50 noch einmal von vorne angefangen haben.
An dem Tag, an dem ihr die Kündigung ausgesprochen wird, sitzt Renate Bergmann noch bis 18 Uhr an ihrem Schreibtisch. Nicht, weil es etwas zu erledigen gibt. Sondern weil sie nicht weiß, wohin mit sich, wenn sie aufsteht. 27 Jahre lang war sie kaufmännische Leiterin in einem mittelständischen Textilgroßhandel. Sie kennt jede Lieferantenbeziehung, jeden Kunden, jede Kollegin beim Vornamen. Dann wird das Unternehmen verkauft, die neue Geschäftsführung räumt auf – und Renate ist mit 56 zum ersten Mal seit fast drei Jahrzehnten wieder auf einem Arbeitsmarkt, den sie nicht mehr kennt.
„Trotz meiner Erschütterung versuchte ich mich mit dem Gedanken anfangs ruhigzustellen: Das ist doch kein Problem, ich habe Erfahrung, ich habe Referenzen“, erzählt sie. „Was ich nicht auf dem Schirm hatte: Erfahrung wird nicht immer als Wert gelesen. Manchmal wird sie als Preisschild gelesen.“
Es folgen anderthalb Jahre Bewerbungen. Manche Unternehmen antworten gar nicht. Andere formulieren freundlich, aber deutlich: überqualifiziert, zu teuer, „passt aktuell nicht ins Teamgefüge“. Ein Personalberater sagt ihr unverblümt, mit Anfang 60 vor Augen würden viele Firmen lieber gar nicht erst investieren. Renate beschreibt diese Zeit als das Schwierigste an ihrem ganzen Neuanfang – schwieriger als der spätere Schritt in die Selbstständigkeit. „Man ist nicht mehr, was man war, und noch nicht, was man wird. Man hängt einfach in der Luft.“
Der Veränderungsforscher William Bridges hat für genau diese Phase einen Begriff geprägt: die neutrale Zone. Zwischen dem Loslassen des Alten und dem Ankommen im Neuen liegt eine Zeit ohne klare Identität – unbequem, orientierungslos, und psychologisch oft belastender als der Abschied oder der Neustart selbst. Wer sie nur als lästige Übergangszeit abtut, übersieht, dass genau hier die eigentliche Arbeit der Veränderung stattfindet.
Den Wendepunkt beschreibt sie sehr genau: ein Sonntagnachmittag, ihre Tochter zu Besuch, eine beiläufige Frage nach der x-ten frustrierenden Bewerbungsabsage. „Sie hat gefragt: Mama, was wolltest du eigentlich immer machen, bevor du das hier gemacht hast? Ich musste richtig überlegen. Ich hatte diese Frage seit zwanzig Jahren nicht mehr gestellt bekommen – nicht mal mir selbst.“
Die Antwort, die ihr einfiel, überraschte sie: Sie hatte immer gerne mit Zahlen gearbeitet, aber nie für ein Unternehmen, sondern für Menschen, deren Geschäft man versteht, weil man mit ihnen spricht. Konkret war daraus noch lange kein Plan – nur eine Ahnung, in welche Richtung es gehen könnte.
Was hier greift, kennen die meisten älteren Jahrgänge; es lässt sich mit den Forschungsergebnissen der Psychologin Laura Carstensen erklären: Je bewusster Menschen wahrnehmen, dass ihre verbleibende Zeit begrenzt ist, desto stärker verschiebt sich ihr Fokus – weg von Status, Tempo und Optionenvielfalt, hin zu Sinn, Beziehungen und dem, was wirklich zählt. Was von außen wie ein spätes Risiko aussieht, ist aus dieser Perspektive oft eine sehr klare, sehr bewusste Entscheidung.
Aus der Ahnung vom Sonntagnachmittag wurde nicht über Nacht ein Plan. Auf Empfehlung einer früheren Kollegin hat sich Renate für ein Coaching entschieden – vier Termine, über knapp zwei Monate verteilt. „Bei mir hat das gereicht. Ich habe gehört, dass es bei anderen länger oder kürzer dauert – das hängt wohl sehr davon ab, wo man gerade steht und was man mitbringt.“
Ein Teil der Gespräche drehte sich darum, die Kündigung überhaupt erst zu verarbeiten – nicht nur organisatorisch, sondern als das, was sie für Renate tatsächlich war: eine Kränkung nach 27 Jahren Loyalität. „Ich hatte so getan, als würde mich das nicht mitnehmen. Aber natürlich hat es das. Erst als ich das ausgesprochen habe, konnte ich überhaupt wieder nach vorne schauen.“ Der andere Teil war nüchterner: eine ehrliche Bestandsaufnahme, was von ihren Fähigkeiten noch marktfähig war – und für wen. „Wir haben systematisch geschaut, was ich kann, was ich davon noch machen will, und wo tatsächlich Bedarf dafür da ist. Erst dadurch wurde aus der vagen Idee vom Sonntagnachmittag etwas, das ich wirklich umsetzen konnte: die Spezialisierung auf kleine Handwerksbetriebe.“
„Jemand von außen, der nicht involviert ist und trotzdem genau nachfragt – das macht einen Unterschied, den ich vorher unterschätzt habe.“
Mit 60 hat Renate fünf feste Kunden – Handwerksbetriebe aus der Region, die sich keinen eigenen Steuerberater leisten wollen oder können. Sie arbeitet von zuhause, bewusst klein gehalten. Finanziell verdient sie weniger als früher als Führungskraft. „Aber ich arbeite zum ersten Mal seit Jahrzehnten für mich. Nicht für ein Unternehmen, das mich in einer Umstrukturierung streichen kann, ohne dass ich etwas dagegen tun könnte.“
Auf die Frage, was sie anderen raten würde, die mit Mitte 50 oder später vor einem ähnlichen Bruch stehen, überlegt sie lange. „Nicht, dass es einfach wird. Es wird nicht einfach. Aber die Zeit, in der man nicht weiß, wer man gerade ist, gehört dazu – man sollte sie nicht überspringen, man muss sie aushalten. Und man muss sie nicht allein aushalten. Das ist wahrscheinlich der Rat, den ich mir selbst am Anfang gerne gegeben hätte.“
Renates Geschichte ist keine Ausnahme – sie ist eine von vielen, die zeigt, dass ein Neuanfang mit Ende 50 selten spektakulär aussieht. Meistens ist er kleiner, langsamer und unsicherer, als Erfolgsgeschichten es suggerieren. Und was ihn am Ende trägt, ist selten der fertige Plan, sondern die Bereitschaft, sich in der unsicheren Phase dazwischen Unterstützung zu holen, statt sie allein durchzustehen.
Was wolltest du eigentlich immer machen, bevor du wurdest, was du heute bist? Wenn du gerade selbst an einem Punkt stehst, an dem du dir nicht nur Zuspruch, sondern einen klaren Blick von außen wünschst – lass uns in einem kostenlosen Erstgespräch schauen, wie dein nächster Schritt aussehen könnte.
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